Der weibliche Zyklus & Training – von Philipp Reiner

„Women are not small men. Stop eating and training like one.“ (Sims & Yeager, 2016)
Mit diesem Satz bringt es Dr. Stacy Sims sehr gut auf den Punkt!

Lag der Anteil weiblicher Athletinnen bei den Olympischen Spielen in Seoul 1988 noch bei 26 %, so waren es bei den Spielen in Rio de Janeiro 2016 schon 45 %.
Leider hat die leistungsbasierte Forschung für Frauen mit diesem exponentiellen Anstieg der Beteiligung nicht Schritt gehalten.
Angesichts der anatomischen, physiologischen und endokrinologischen Unterschiede zwischen den Geschlechtern wäre es naiv anzunehmen, dass die gesamte Forschung für männliche Athleten direkt auf Frauen angewandt werden kann.

Um den weiblichen Zyklus und dessen Einfluss auf die Leistung physiologisch und psychologisch als Trainer besser verstehen zu können, haben wir uns in den letzten Monaten intensiv damit auseinandergesetzt.
Unser Ziel ist eine bestmögliche Belastungssteuerung unserer Athletinnen.

Nachfolgend findet ihr eine kurze Zusammenfassung über den aktuellen Stand der Wissenschaft für Athletinnen im Zeitraum nach der Pubertät bis zum Beginn der Menopause.
Welche Trainingsempfehlungen es für Athletinnen nach der Menopause gibt, erfährt ihr in unserem nächsten Beitrag.

Am Beginn ein Blick auf den hormonellen Verlauf.
Im Schnitt beträgt der weibliche Zyklus 28 Tage. Eine regelmäßige, schmerzfreie Menstruation zwischen 21 und 35 Tage wird dabei als “normal“ angesehen und wird als Eumenorrhö bezeichnet. Bei genauer Betrachtung kann man mehrere unterschiedlichen Phasen, bedingt durch die unterschiedlichen Hormonlevel, erkennen (Abbildung 1). Diese wurden bei den bisherigen Studien, welche sich diesem Thema widmeten, für die Untersuchungen herangezogen.

 

Abbildung 1
Schematische Darstellung der hormonellen Schwankungen über einen idealisierten 28-tägigen Menstruationszyklus

Aus „The Efects of Menstrual Cycle Phase on Exercise Performance in Eumenorrheic Women: A Systematic Review and Meta‑Analysis“ von McNulty, K.L., Elliott-Sale, K.J., Dolan, E. et al., 2020, Sports Medicine 50, 1813–1827 (https://doi.org/10.1007/s40279-020-01319-3). Copyright © 2020, The Author(s)

 

Aktuell gibt es rund 1.700 Studien, die sich mit diesem Thema beschäftigt haben. Auf dem ersten Blick kann man anhand der Studien keine klaren Hinweise darauf finden, welche Trainingsreize in welcher Phase des weiblichen Zyklus empfehlenswert wären, zu unterschiedlich sind die Ergebnisse dieser Studien.
Daher hat sich Dr. Elliott-Sales gemeinsam mit Kolleg*innen dazu entschlossen, eine Metaanalyse durchzuführen. Auch mit dieser ist es, wie in Abbildung 2 dargestellt, nicht gelungen, auf eine eindeutige Aussage zu kommen. Laut Autoren sind die aktuell vorhandenen Studien im Großteil von der Qualität her nicht zufriedenstellend. (McNulty et al., 2020)

 

Abbildung 2
Wald-Diagramm der Metaanalyse, welche die Auswirkungen der Phasen des Menstruationszyklus auf die körperliche Leistungsfähigkeit untersucht.

Efects of Menstrual Cycle Phase on Exercise Performance in Eumenorrheic Women: A Systematic Review and Meta‑Analysis“ von McNulty, K.L., Elliott-Sale, K.J., Dolan, E. et al., 2020, Sports Medicine 50, 1813–1827 (https://doi.org/10.1007/s40279-020-01319-3). Copyright © 2020, The Author(s)

 

So konnten am Ende aus der großen Menge an Studien nur 51 für die Metaanalyse herangezogen werden und selbst davon wurden lediglich 8 % als qualitativ hochwertig eingestuft. 68 % wurden mit „niedriger oder sehr niedriger Qualität“ bewertet. Dies trägt laut Meinung der Forscher zusätzlich zur großen Varianz der einzelnen Studien bei. (McNulty et al., 2020)
Im Conclusio dieser Studie wird geraten, sich vorerst mit weiteren Studien zu beschäftigen, die in der Zukunft erscheinen werden.
Bis klarere Aussagen getroffen werden können, sollten Trainer sich jeder Athletin einzeln für einen personalisierten Ansatz annehmen und versuchen, im Gespräch jene Phasen zu definieren, in welchen das Training härter oder leichter gestaltet werden sollte.

Nicht unerwähnt wollen wir das Thema der oralen hormonellen Verhütung lassen, da sich dadurch der hormonelle Verlauf im Zyklus deutlich ändert.
Die Anwendung von oralen Verhütungsmitteln kann im Vergleich zu natürlich menstruierenden Frauen im Durchschnitt zu einer etwas schlechteren Trainingsleistung führen. Da die Effekte in den Studien eher trivial und variabel waren, rechtfertigen die Ergebnisse auch hier vorerst keine Empfehlungen für die Belastungssteuerung. (Elliott-Sale et al., 2020)

Wir sind schon gespannt, welche neuen Erkenntnisse es in den nächsten Jahren noch geben wird.
Auf alle Fälle werden wir uns weiterhin mit neuen Studien über dieses Thema am aktuellsten Stand der Wissenschaft halten.
Im Sport sind es oft nur kleine Unterschiede, welche über Erfolg oder Niederlage entscheiden können. Steigert man den Output des Trainings nur minimal durch Rücksicht auf den Menstruationszyklus der Athletinnen, kann man sich dadurch vielleicht von der Konkurrenz abheben und bei Rennen eine persönliche Bestleistung aufstellen oder sogar als Erste über die Ziellinie gehen.

 

Glossar

Metaanalyse –  ist ein statistisches Verfahren, um die Ergebnisse verschiedener Studien, welche dieselbe Fragestellung in einem wissenschaftlichen Forschungsgebiet verfolgen, quantitativ zusammenzufassen und zu bewerten.

Endokrinologie ist die „Lehre von der Morphologie und Funktion der Drüsen mit innerer Sekretion und der Hormone“.

Menopause bezeichnet bei der Frau den Zeitpunkt der letzten Menstruation (hormonellen Umstellung), der in der Regel um das 50te Lebensjahr (46-52) herum eintritt.

 

Literaturverzeichnis

Boutcher, Y. N., Boutcher, S. H., Yoo, H. Y., & Meerkin, J. D. (2019). The Effect of Sprint Interval Training on Body Composition of Postmenopausal Women. Medicine and Science in Sports and Exercise, 51(7), 1413–1419. https://doi.org/10.1249/MSS.0000000000001919

Elliott-Sale, K. J., McNulty, K. L., Ansdell, P., Goodall, S., Hicks, K. M., Thomas, K., Swinton, P. A., & Dolan, E. (2020). The Effects of Oral Contraceptives on Exercise Performance in Women: A Systematic Review and Meta-analysis. Sports Medicine (Auckland, N.Z.), 50(10), 1785–1812. https://doi.org/10.1007/s40279-020-01317-5

McNulty, K. L., Elliott-Sale, K. J., Dolan, E., Swinton, P. A., Ansdell, P., Goodall, S., Thomas, K., & Hicks, K. M. (2020). The Effects of Menstrual Cycle Phase on Exercise Performance in Eumenorrheic Women: A Systematic Review and Meta-Analysis. Sports Medicine, 50(10), 1813–1827. https://doi.org/10.1007/s40279-020-01319-3

Sims, S. T., & Yeager, S. (2016). ROAR: How to Match Your Food and Fitness to Your Female Physiology for Optimum Performance, Great Health, and a Strong, Lean Body for Life. Rodale Books. https://books.google.at/books?id=hfQEDAAAQBAJ

2020-12-07T22:52:24+00:00

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